Übersetzungsalltag: Das Problem mit den „Likes“

Ich werde zu alt für dieses komische Internet. So komme ich mir jedenfalls derzeit vor. Nachdem Twitter vor einigen Tagen sein Favoriten-System endgültig in ein Gefällt-mir-Herzchen-System umgewandelt hat und damit einen weiteren Schritt hin zu einem Möchtegern-Fratzenbuch mutiert ist, hat auch TWBlue, mein derzeitiger Twitter-Client, diese Veränderung übernommen. Da ich für diesen Client die deutsche Sprachdatei betreue, mussten natürlich auch einige neue Übersetzungen eingepflegt werden. Kein Problem, dachte ich, und machte mich ans Werk.

Gefällt mir, gefällt mir nicht

Beim Übersetzen einer Software muss man nicht einfach nur die Sprache beherrschen, in welche man übersetzt, es spielen auch technische Dinge eine nicht unerhebliche Rolle. Beim Thema „Likes“ wird es da aber ganz schön haarig. Also schaue ich mir zunächst mal an, wie die Twitter-Webseite sich im Deutschen dieses Problems angenommen hat. Der Like-Button wird zu „gefällt mir“, der Unlike-Button, also das Entfernen der Gefällt-mir-Angabe, wandelt sich elegant in die Angabe, wie vielen Leuten der Tweet gefällt. Für TWBlue hilft mir das aber nicht wirklich weiter, da es sich hierbei um eine Desktop-Software handelt, die Buttons, Menüs und Statusmeldungen anders behandelt.

Der „Gefällt mir“-Button ist dabei noch das einfachste Problem. Schon der Unlike-Button wird eine echte Herausforderung, möchte man nicht beim Englischen bleiben oder ein derartig verworrenes Deutsch konstruieren, dass es einfach nur noch lächerlich klingt. „Gefällt mir“ entfernen wäre eine halbwegs brauchbare Lösung, man riskiert hierbei aber ein visuelles Desaster, wenn der Text im Menü die vom Programm vorgegebene Breite sprengt. Kürzer wäre es, sich umgangssprachlich des „Likens“ und „Entlikens“ zu bedienen. Schließlich „downloaden“ oder „booten“ wir ja inzwischen auch, also kann es so falsch doch nicht sein. Nun bin ich garantiert kein erbitterter Verteidiger der deutschen Sprache. Sie entwickelt sich beständig, sonst würden wir ja heute noch Urgermanisch miteinander sprechen. Wo englische Begriffe sinnvoller und weniger sperrig sind als ihre deutschen Entsprechungen, setze ich sie gern ein, auch in Schriftform. Man mag mich nun altmodisch nennen, doch in diesem Fall werde ich meine Schulbildung nicht den „sozialen“ Netzungeheuern zum Fraß vorwerfen, so lange es sich vermeiden lässt. Nicht alles, was in der Umgangssprache so herumgeistert, möchte ich mir in geschriebener Form antun. Tatsächlich schreibe ich unabhängig von meiner ungleich verlotterteren Umgangssprache auch lieber „herunterladen“ und „hochfahren“, und nicht „downloaden“ und „booten“. Und nein, ich bin nicht in den 50ern aufgewachsen, als Computer für die meisten Menschen noch ein Begriff aus Science-Fiction-Büchern war. In anderen Fällen schreibe ich ja auch einfach aus Bequemlichkeit englische Begriffe, wie oben die Buttons, auch wenn Onkel Conrad und dessen Erben das sicher noch nicht vorgesehen haben. Aus Bequemlichkeit die englischen Vokabeln zu übernehmen ist jedoch etwas anderes, als sich einfach mal neue Vokabeln auszudenken. Im Fall von Twitter bleibt einem dies jedoch nicht immer erspart, so habe ich z. B. aus dem englischen „unfollow“ das Verb „entfolgen“ ableiten müssen, was außerhalb von Twitter natürlich völliger Blödsinn ist, allerdings im Englischen ebenso wie im Deutschen. Das gilt übrigens auch für „unlike“, was im Englischen eigentlich als „ungleich“ oder „im Gegensatz“ Verwendung findet. Wir Deutschen sind wohl doch nur hoffnungslos korrekt, um solche Sprachverwirbelungen zuzulassen.
Kurzum: Ich riskiere lieber einen Darstellungsfehler und bleibe bei der längeren, aber korrekteren Variante der „Gefällt mir“-Angaben.

Was anderen gefällt

Weiter geht es mit den Likes, die sich nicht auf den eigenen Account, sondern auf die Tweets anderer Twitter-Nutzer beziehen, denn auch sie lassen sich in TWBlue anzeigen. Hier stößt der geneigte Retter der Sprache dann doch an seine Grenzen. Wie übersetzt man „gefällt mir“, wenn es einem selbst nie gefallen hat? Würde man Likes durchweg als „gefällt mir“ übersetzen, ginge die Übersicht für den Nutzer schnell verloren, und gerade unerfahrene Twitterer (dieses Kunstwort betrachte ich übrigens als akzeptabel) hätten sicher Probleme, diese Angaben zuzuordnen. „Gefällt ihm/ihr“ oder einfach ein patziges „gefällt“, um sowohl die Geschlechtsneutralität, als auch die Programmbeschränkungen zu bewahren? Sprachlich vielleicht korrekt, im Umgang aber eher etwas holperig. Tatsächlich bieten sich hier die Likes in unübersetzter Form besser an, zumal sie bei Facebook längst zur Umgangssprache geworden sind, die wohl in jede Sprache Einzug gehalten haben. Dies führt am Ende zwar zu einem etwas inkonsequenten Mix aus deutschen und englischen Begriffen, was aber zwischen Sprachregeln und Benutzbarkeit einen meiner Meinung nach brauchbaren Kompromiss darstellt. Nun könnte man eigentlich auch sämtliche Likes, also auch die eigenen, konsequenterweise als Likes anzeigen lassen. Dann steht man aber wieder vor dem Problem, wie sich die Verben „like“ und „unlike“ sinnvoll übersetzen lassen. „Liken“ und „entliken“ hatte ich ja weiter oben schon kategorisch ausgeschlossen. Nein, dann doch lieber dem Nutzer die originalen Likes dort unterjubeln, wo sie nicht weiter stören. So gibt es jetzt also nur den „Gefällt mir“-Button, ansonsten aber die Likes, wenn es sich um die Anzeige von entsprechenden Zeitleisten handelt. Operation geglückt, Patient gerade noch so am Leben, Übersetzer hat Kopfweh.

Können wir nicht einfach alle englisch miteinander sprechen und die Landessprachen zu Dialekten degradieren? Es würde so vieles einfacher machen. Nun ja, andererseits wäre ich dann auch eine liebgewonnene Beschäftigung los. Also ertrage ich lieber die paar sprachlichen Schmerzen. :)

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Über Radiorobbe

Lichtloser Gelegenheitsblogger aus dem Norden Brandenburgs. Schreibt übers Radiomachen, Technik aller Art und gelegentlich seine persönlichen Meinungen.

4 Kommentare:

  1. Deutsch ist bisweilen eine sehr viel förmlichere Sprache als das Englische, vielleicht sollte man das im Hinterkopf behalten und entsprechend auch etwas förmlicher an die Sache herangehen:

    like/unlike = Zustimmung/Ablehnung

    Dann hätte man zumindest kein Problem mehr mit den abgeleiteten Verbformen.

  2. Für den Vorschlag mit dem Dialekt gehören Sie nach Sibirien abgeschoben! Da können Sie dann auch gerne Englisch reden. Und nebenbei: wie wär’s mal mit korrekter Rechtschreibung hier statt falschen Übersetzungen?

  3. Grundsätzlich würde ich da zustimmen. Da es sich bei der vorliegenden Software aber um den Client für einen Internetdienst handelt, liegt mir viel daran, ihn so zu formulieren, dass er nicht allzu stark vom Original abweicht. Zustimmung/Ablehnung wäre außerdem nicht ganz korrekt, da es sich speziell bei der Ablehnung nicht direkt um eine solche handelt. Man entfernt lediglich die Zustimmung, sagt damit aber nicht, dass man etwas ablehnt. Wenn es nach mir ginge, würde ich das alte Favoritensystem einfach beibehalten, denn es haben sich nur die Formulierungen geändert, das System als solches aber nicht.

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