2015: Klima und Radio im Umbruch?

Wenn im Schein des vollen Mondes die Grillen lieblich zirpen, aus der Nachbarschaft die Steaks auf dem Grill verlockend duften, und man vor Hitze des Nachts kaum Schlaf findet, dann ist eindeutig… Weihnachten!

Nun, ganz so schlimm ist es natürlich noch nicht, sofern man nicht auf der südlichen Erdhalbkugel lebt. Den ein oder anderen mag es trotzdem geben, der bei 15 Grad Höchsttemperatur seinen Grill für eine Heiligabend-Party aufbaut oder als Wintercamper seinen vier Wänden entflieht. Es gibt sogar verrückte Menschen, die sich zu Weihnachts- oder Neujahrsbädern in die Meere, Seen und Tümpel unserer Region stürzen, wobei es denen momentan wahrscheinlich sogar viel zu warm sein dürfte. Ich bevorzuge da doch eher wohltemperiertes Wasser aus der Wand. Wie Weihnachten kommt einem dieser Dezember jedenfalls nicht gerade vor, nicht nur was die Natur angeht. Fast scheint es so, als hätte sich die „Weihnachtsindustrie“ dieses Jahr ein wenig mehr zurückgehalten. Ja nicht mal das sonst so unvermeidbare „Last Christmas“ lief sonderlich oft im Radio. Vielleicht habe ich aber auch nur den falschen, besser gesagt, den richtigen Sender gehört? Als eher anti-religiös eingestellter Mensch, für den Weihnachten ohnehin nur noch entfernt etwas mit Religion zu tun hat, will ich mich darüber aber nicht beschweren und begrüße es, dass mir die diesjährige Weihnachtszeit wohl in überwiegend positiver Erinnerung bleiben wird. Wenn dann jemand nächstes Jahr bitte noch Helene Fischer aus den Medien verbannen könnte? Dafür schon mal vielen Dank im Voraus.

Und wo ich schon bei den Medien bin, möchte ich als Fan der alten Wellen natürlich auch ein paar Worte über die bevorstehende Abschaltung der letzten Mittelwellensender Deutschlands verlieren, die mich doch etwas traurig stimmt. Der Deutschlandfunk, einst als Informationsprogramm diesseits und jenseits innerer und äußerer Landesgrenzen auf Lang- und Mittelwelle gestartet, wird diesen aus wirtschaftlicher und technischer Sicht zwav veralteten, jedoch in einigen Punkten alternativlosen Verbreitungsweg nun endgültig verstummen lassen, nachdem im letzten Jahr bereits die Langwellensender abgeschaltet wurden, welche beinahe für eine gesamte Abdeckung Deutschlands gesorgt hatten. Auf 549, 756, 1269 sowie 1422 kHz wird man ab Januar wohl tagsüber nur noch Schweigen vernehmen, gemischt mit den heute unvermeidlichen Störungen durch Schaltnetzteile, Powerline-Systeme oder Flachbildfernseher. Nachts hingegen bleibt die Mittelwelle auch in den kommenden Jahren sicher noch ein interessantes Medium für den Empfang jener Länder, in welchen für diesen Verbreitungsweg noch immer ein relevantes Publikum zu existieren scheint. So hat Algerien erst diesen Monat die Sendeanlage Ouled Fayet auf 891 kHz modernisiert, die nun mit teils starkem Signal des ersten Innlandsprogramms in Mitteleuropa gehört werden kann.

Ich verzichte jetzt darauf, über Sinn und Unsinn alter Übertragungswege zu philosophieren. Weder vertrete ich die Radikal-Nostalgiker und Radio-Verschwörungstheoretiker, noch stürze ich mich ungefragt auf alles, was einem Industrie und Medien als den neuesten und heißesten Scheiß ans Herz legen möchten. Doch es gibt definitiv Nachteile, die zu meinem Erstaunen der Deutschlandfunk in seinen zugegeben sehr stilvollen Abschiedssendungen nicht unberücksichtigt gelassen hat. Möchte man unabhängig vom Internet und Satellitenverbreitung Informationen aus Deutschland bekommen, sind die Ausbreitungsbedingungen der Kurz-, Mittel- und Langwelle bislang noch völlig alternativlos. Dank sehr knapp bemessener Datentarife im mobilen Internet wird man es sich in absehbarer Zeit kaum leisten können, im Ausland deutsches Radio zu empfangen, ganz zu schweigen von Geoblocking oder sonstigen Zensurmaßnahmen, die den Empfang hier wie dort nahezu unmöglich machen. Und eine Satellitenschüssel mit sich herumzuschleppen ist auch eher unpraktisch. Handlichere Systeme wie das in Afrika erprobte und letztlich erfolglose Worldspace wären noch eine Alternative, böten aber ebenfalls nicht den Komfort analog-terrestrischer Übertragungen. Also ist kurz nach den Landesgrenzen erst einmal Schluss mit dem Empfang deutscher Radioprogramme, wo früher noch in weiten Teilen Europas die Langwellensender des Deutschlandradios Informationen aus der Heimat zusicherten. Als eher schlechten Witz empfand ich dabei die Aussage, dass dafür ja auch nicht mehr der Deutschlandfunk, sondern die Kollegen der deutschen Welle zuständig seien. Diese hat sich aber bereits am 29. Oktober 2011 quasi selbst abgeschafft und strahlt schon längst so gut wie keine terrestrischen Radiosendungen mehr aus, auf deutsch schon gar nicht. Man geht mit dem Trend und konzentriert sich lieber auf Fernsehen und Internet.

Ich wuchs zu einer Zeit auf, als der Rundfunk auf Lang- Mittel und Kurzwelle schon längst keine primäre Bedeutung mehr für viele Rundfunkanstalten hatte. Mein mediales Leben stützt sich heute überwiegend aufs Internet, dessen Informationsvielfalt ich ungern missen möchte, auch wenn die zugrundeliegende Infrastruktur erschreckend zerbrechlich ist. Es genügen im Prinzip wenige Handgriffe, und aus dem Weltnetz wird bestenfalls ein Landes-LAN. Es braucht aufgeklärte Menschen, um die fragile Informationsfreiheit des Internets mit allen Mitteln zu verteidigen, sofern sie nicht eh schon mehr als gefährdet ist. Sonst ist das Internet nur ein müder Abklatsch der freien Ätherwellen, auf denen man früher aus fernen Ländern Informationen bekam. Daher haben mich diese Ätherwellen schon früh fasziniert, und sie tun es noch heute. Nicht nur der Informationen wegen, sondern wegen der Beschaffenheit des Mediums. Während man heutige Radios wie einen Computer bedient, kann man mit analogen Radios akustisch erfahren, wie sich diese Ätherwellen ausbreiten. Es gibt keinen Datenstrom aus Nullen und Einsen, keine IP-Adressen, die einen ans Ziel führen, sondern einen Klangteppich aus erfühlbaren Signalen, beeinflusst von der sie mit sich führenden Atmosphäre. Auch das terrestrische Digitalradio kennt solche Beeinflussungen, doch nimmt man sie als normaler Radiohörer wohl eher kaum noch wahr.

Aber die Zeit lässt sich eben nicht aufhalten. Doch auch wenn es uns manch übereifrige Medien anders suggerieren wollen, die alten Übertragungswege werden ja nicht abgeschafft. Lediglich die darüber ausstrahlenden Sender werden stillgelegt. Zum Elektroschrott bringen muss man sein altes Radio deshalb noch lange nicht, wofür sich so manches Digitalsystem in den letzten Jahrzehnten nicht gerade mit Ruhm bekleckern konnte. Kennt jemand noch DSR und dessen Nachfolger ADR? Dies waren Systeme für digitales Satellitenradio, deren Empfangsgeräte mittlerweile wirklich nur noch ein Fall für den Elektroschrott sind, da sie nur zur Decodierung der dafür vorgesehenen Signale dienten. Ein analoges Radio hingegen kann sogar digitale Signale wahrnehmen, obgleich es sie natürlich nicht in sinnvolle Informationen umwandeln kann. Böse Zungen würden das angesichts der vielfältigen Eintönigkeit sicher nicht mal einem echten Digitalradio zugestehen. :) Bereits die kommenden Generationen werden kaum noch etwas von den damaligen Radiowellen kennenlernen, was über Theorie im Physikunterricht hinausgeht. Zumindest diese Theorie wird erhalten bleiben, ist sie doch immer noch Grundlage für jede Art von Funkübertragung, analog oder digital. Wir werden neue Wege finden, um uns mit ungefilterten Informationen aus anderen Ländern zu versorgen. Und wir werden um sie kämpfen müssen, was genau genommen auch früher schon der Fall war, wenn diktatorische Regime mit Störsendern gegen ungeliebte Gegenspieler vorgingen.

Bleibt mir nur noch, euch einen trotz allem angenehmen Jahreswechsel zu wünschen. Gebloggt wird natürlich auch im kommenden Jahr mal mehr, mal weniger fleißig. Vielleicht gibt es auch wieder ein paar Audioinhalte. Seit kurzem steht ein Midi-Keyboard in meinem Studio, damit ich meine schon seit mindestens 15 Jahren nicht mehr ausgeübten musikalischen Fähigkeiten wieder etwas trainieren kann. Mal sehen, ob dabei etwas Sinnvolles herauskommt.

Also dann: Frohe Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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Über Radiorobbe

Lichtloser Gelegenheitsblogger aus dem Norden Brandenburgs. Schreibt übers Radiomachen, Technik aller Art und gelegentlich seine persönlichen Meinungen.