Textverarbeitung: Zugänglichkeit der Office-Alternativen

Neuer Rechner, neues Betriebssystem, neue Anwendungen. Da ich mir nicht wieder ein riesiges Office-Paket installieren wollte, von dem ich ohnehin nur die Textverarbeitung nutzen würde, habe ich mich nach brauchbaren Alternativen umgesehen. An erster Stelle stand für mich als Nutzer eines Screen-Readers natürlich die Bedienbarkeit mit Sprachausgabe und Braillezeile. Hier meine Ergebnisse…

Zunächst wäre da Jarte zu nennen; eine Textverarbeitungs-Software, die sogar mit einem Screen-Reader-Modus daherkommt und auf der Funktionalität der in Windows integrierten Wordpad-Engine aufbaut. Das ausschließlich englische Programm beherrscht die Dateiformate RTF, Doc und Docx sowie einfache TXT- Dateien. Open-Document-Unterstützung (*.ODF, *.ODT) fehlt leider gänzlich, dafür gibt es laut Feature-Liste einen PDF-Export. Die Funktionen können sich ansonsten durchaus sehen lassen, selbst in der eingeschränkten Gratis-Version. Jarte hat vieles, was das Herz eines Textverarbeiters begehrt. Vorlagen, Rechtschreibprüfung, dutzende Formatierungsoptionen usw. Wer mehr möchte, bekommt mit Jarte Plus noch einige Funktionen dazu, so zum Beispiel eine Rechtschreibprüfung im Hintergrund oder eine Autokorrektur.
Der Screen-Reader-Modus hört sich zunächst vielversprechend an, erweist sich bei näherem Hinsehen jedoch als Einschränkung der Funktionalität. So ist es in diesem Modus nicht mehr möglich, die Farbeinstellung des Programms an eigene Bedürfnisse anzupassen. Sehbehinderte Nutzer, die sowohl einen Screen-Reader, als auch den Monitor nutzen, sind also klar im Nachteil. Zwar ist es möglich, über eine Anpassung in der Konfigurationsdatei den Screen-Reader-Modus auszuschalten, was man jedoch mit einer eingeschränkten Zugänglichkeit einbüßt. Dafür, dass Jarte in vielen Funktionen kostenlos verfügbar ist, lohnt sich die Installation aber allemal.

Als Open-Source-Alternative gibt es das mehrsprachige und für mehrere Betriebssysteme verfügbare AbiWord. Es unterstützt viele Dateiformate (MS Word, Open Office, Word Perfect etc) und ist durch Plugins quasi unendlich erweiterbar. Die Zugänglichkeit für Screen-Reader ist gegeben, macht das Programm jedoch in einem sehr wichtigen Punkt nutzlos: die Texteingabe. Menüs und Dialoge sind problemlos zugänglich, sind jedoch völlig nutzlos, wenn die Cursorverfolgung im Texteingabefeld nicht möglich ist. AbiWord verwendet offenbar einen eigenen Cursor und nicht den Systemcursor des jeweiligen Betriebssystems. Ein entsprechender Fehlerbericht liegt den Entwicklern bereits seit Jahren vor, doch offenbar gibt es keine Bestrebungen, dieses Problem aus der Welt zu schaffen. Daher schaffe ich bis auf Weiteres das Programm aus meiner Festplatten-Welt.

Eine proprietäre und für rund 25 Euro erhältliche Textverarbeitung ist der Atlantis Word Processor. Die auf Windows beschränkte Software kommt mit nur 3 Megabyte sehr schlank daher und hat es durchaus in sich. Gelesen werden neben den Formaten RTF, Doc/Docx und TXT auch die Open-Document-Formate sowie das eigene *.code-Format. Schreiben kann Atlantis allerdings nur Doc/Docx, RTF, TXT und sein eigenes Format, nicht jedoch Open-Document. Ein PDF-Export ist zwar nicht möglich, kann aber indirekt über einen PDF-Drucker vorgenommen werden. Dafür gibt es die Möglichkeit, über den Epub-Export seine Dokumente in Ebooks umzuwandeln. Die Screen-Reader-Zugänglichkeit ist bei diesem Programm hervorragend. Es bedarf keines eigenen Screen-Reader-Modus wie bei Jarte, denn beinahe alle Funktionen sind von Haus aus mit Sprachausgabe und Braillezeile ansprechbar. Farben, Tastenkombinationen, ja sogar die Menüs lassen sich an individuelle Bedürfnisse anpassen. Nach der Installation sollten lediglich die nicht benötigten Symbolleisten und Scrollbalken ausgeschaltet sowie als Präsentationsmodus die Option Draft gewählt werden. In meinen ersten Tests mit meinem Screen-Reader tauchten noch Probleme beim Markieren von Text auf, hier setzte die Sprachausgabe und die Braille-Anzeige komplett aus und ich musste im Blindflug arbeiten. Außerdem ist es leider mit dem quelloffenen Screen-Reader NVDA bislang noch nicht möglich, das Texteingabefeld auszulesen, was Atlantis für ausschließlich mit NVDA arbeitende Nutzer vorerst nutzlos macht. Inwiefern es für die NVDA-Entwickler möglich ist, entsprechende Anpassungen zu schreiben, wird sich zeigen. Im Übrigen ist die Rechtschreibprüfung nicht wirklich zu gebrauchen. Trotz deutscher Sprachauswahl in der Dokumentformatierung wurde mir fast jedes zweite Wort angekreidet und mit zumeist falschen Vorschlägen korrigiert. Einer der wenigen Minuspunkte in einer ansonsten vielfältigen Funktionsliste.

Daher werde ich Atlantis für eine Weile ein zu Hause auf meinem Rechner geben, da mich die Software von allen getesteten Office-Alternativen am meisten überzeugt hat. Lediglich für mein Netbook, auf dem aus Performancegründen nur NVDA installiert ist, werde ich Jarte installieren müssen oder vielleicht auch nur das Wordpad nutzen, da ich das Netbook ohnehin nur selten bis gar nicht für Textverarbeitung verwenden werde. Wichtig bleibt aber die Erkenntnis, dass es außerhalb der großen Office-Suiten durchaus lohnenswerte Alternativen gibt, wenn man lediglich eine Textverarbeitung sucht. Wer mehr will, sollte lieber zu einem der großen Pakete greifen oder versuchen, sich sein Büropaket aus einzelnen Programmen zusammenzuschnüren.

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Über Radiorobbe

Lichtloser Gelegenheitsblogger aus dem Norden Brandenburgs. Schreibt übers Radiomachen, Technik aller Art und gelegentlich seine persönlichen Meinungen.